3 Praktische pädagogische Handlungsmöglichkeiten

Praktische pädagogische Handlungsmöglichkeiten
Oliver Sacks schreibt in seinem bereits erwähnten Bericht über den verlorenen Seemann Jimmy G. einen Brief an den russischen Neurologen Lurjia und bekommt folgende Antwort:
Was konnten wir tun? Was sollten wir tun? Für einen Fall wie diesen gibt es kein Rezept, schrieb Lurija. Lassen Sie sich von Ihrem Verstand und von Ihrem Herzen leiten. Es gibt keine, oder nur wenig Hoffnung auf eine Wiederherstellung seines Gedächtnisses. Aber ein Mensch besteht nicht nur aus dem Gedächtnis. Er verfügt auch über Gefühle und Empfindungen, über einen Willen, über moralische Grundsätze - Dinge, über die die Neuropsychologie kein Urteil fällen kann. Und in diesem Bereich, jenseits der unpersönlichen Psychologie, finden Sie vielleicht eine Möglichkeit, ihn zu erreichen und eine Veränderung herbeizuführen. In Ihrem Fall lassen die äußeren Umstände dies ja zu, denn Sie sind in einem Heim tätig, das wie eine kleine Welt aufgebaut ist und sich sehr von den Kliniken und Anstalten, in denen ich arbeite, unterscheidet. In neuropsychologischer Hinsicht können Sie wenig oder nichts tun, aber in der Sphäre des Individuellen können Sie viel erreichen.

Am 6.September 2008 wird Dr. Armand Hingsammer im Weser Kurier anlässlich der Jubiläumsfeier einer Einrichtung für „chronische Alkoholiker mit Hirnorganischem Abbau“ zitiert (Weber 2008): „Die gestörte Merkfähigkeit [von Korsakowkranken] lässt sich nicht durch sprachliche Einwirkung und Förderung mildern, sondern durch alltagspraktische Handlungen und Übungen wie Bettenmachen und Körperpflege.“

Deutsche schreibt: “Zum therapeutischen Vorgehen findet sich in der Literatur kein allgemein akzeptiertes therapeutisches Rahmenkonzept. […] Wir haben unser Programm immer wieder modifiziert und dabei versucht, die Alltagsrelevanz nicht aus den Augen zu verlieren. „ (Deutschle 1998 S.94).

Diesen drei Zitaten lassen sich drei Punkte entnehmen. Erstens sind die Hilfskonzepte und damit auch die Erfahrung im Umgang mit Korsakowkranken noch sehr gering. Zweitens muss ein Hilfskonzept immer individuell auf die Person angepasst werden. Drittens sollte das Wiedererlernen des alltäglichen Lebens eine zentrale Rolle in den heutigen Hilfskonzepten einnehmen.
Die Hilfe, die Betroffene im Fall eines WKS bekommen können, lässt sich ähnlich einteilen wie die Krankheit selber. Die akute Wernicke-Encephalopahtie wird, wie bereits geschildert, in einer Klinik behandelt. Die benötigte Hilfe ist in Form von Thiamingaben und gesundem Essen ist eindeutig und allgemein anerkannt. Nach dem Übergang in die chronische Verlaufsform, dem Korsakowsyndrom, stehen die bereits beschriebenen Ursachen für das Korsakowsyndrom zwar fest, aber hier endet der Weg der detailliert dokumentierten Hilfskonzepte. Da das Korsakow-Syndrom chronisch und die Schädigung im Gehirn pathologisch irreversibel ist, war noch bis vor einem Jahrzehnt die Annahme weit verbreitet, dass der allgemeine Zustand betroffener Personen nicht mehr weiter zu verbessern wäre. Als Folge wurden die meisten Betroffenen in Pflegeheimen und Gerontopsychiatrien untergebracht, wenn es nicht möglich war, sie wieder in die eigene Familie zu integrieren. Für Personen, die nur leicht vom Korsakow-Syndrom betroffen waren, bestand noch die Möglichkeit einer normalen Alkoholtherapie.
In den letzten Jahren änderten sich die Ansichten und Möglichkeiten in diesem Bereich teils drastisch. Es entstanden vielerorts speziell auf Personen mit dem Korsakow-Syndrom zugeschnittene Fördereinrichtungen oder Abteilungen von Pflegeheimen. Auch die Erwartungen an die persönliche Entwicklung der Betroffenen hat sich verändert (Hingsammer 2002). Der Umstand, dass diese Form der Fördereinrichtungen noch relativ jung ist und die Erkenntnisse über die möglichen Entwicklungen noch wenig dokumentiert sind, ist es wohl zuzuschreiben, dass es bisher nur wenig Literatur zu diesem Thema gibt.