Wann ist man Alkoholiker?

Vom risikoarmen Alkoholgenuss bis zum Alkoholmissbrauch

„Was der Alkohol alles kaputt machen kann. Das wusste ich nicht! Ich muss ja ganz schön gesoffen haben.“

Diese Sätze hörte ich regelmäßig von einem meiner ehemaligen Klienten. Ich habe in einer vollstationären Einrichtung für chronische Alkoholiker mit hirnorganischem Abbaun gearbeitet. Hört sich kompliziert an, ist es teilweise auch. Vor allem ist es aber auch tragisch. Hirnorganischer Abbau heißt in den meisten fällen Korsakow-Syndrom und das bedeutet kurz gesagt, dass man sein Kurzzeitgedächtnis teilweise oder ganz durch exzessiven und meist lang anhaltenden Alkoholmissbrauch verloren hat. „Sich das Gehirn wegsaufen“, ist also nicht nur ein dummer Spruch. Die Begleiterkrankungen sind auch nicht ohne und reichen von Leberzierrose bis zu massiven Gangstörungen. Das fatale an der Erkrankung: Es gibt aus medizinischer Sicht keine Hoffnung auf Heilung. Diese Schädigungen bleiben. Mit diesen krassen folgen von Sucht kann man sich fast täglich konfrontiert sehen.

Damit wären wir gleich drin in der Fragestellung:

Ab wann ist jemand eigentlich süchtig?

Wo liegt der Unterschied zwischen „mal ein Bier zu viel“ und einer Suchterkrankung? Die unterschiedlichen wissenschaftlichen Richtungen haben jeweils ihre eigenen Ansätze darüber was Sucht ist, bzw. wie sie entsteht. In der Biologie untersucht man die genetischen Voraussetzungen, die Medizin interessiert sich für Stoffwechsel, die Psychologie nimmt das Verhalten unter die Lupe und Pädagogen sorgen sich um das soziale Umfeld. Das macht eins klar: Sucht ist vielschichtig und ihre Gründe sind individuell. Wenn wir beim Alkohol bleiben, dann gibt es tatsächlich Grenzen für einen risikoarmen Alkoholkonsum. Risikoarm deshalb, weil Alkohol nun einmal ein Gift ist und es einen risikolosen Konsum nicht gibt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) setzt diesem risikoarmen Konsum von Alkohol pro Tag eine Grenze bei 20 g Reinalkohol für Frauen und 30 g für Männer. Damit liegt die WHO noch recht hoch. Viele Wissenschaftler halten diese Menge bereits nicht mehr für risikoarm und ziehen die Grenze bereits bei 10 g für Frauen bzw. 20 g für Männer. Was das jetzt in Bier bedeutet kannst du der Grafik entnehmen.


Standardeinheiten Alkohol in Getränken,
die jeweils 20 Gramm Reinalkohol entsprechen.

Risiko Alkoholkonsum

Mit jedem weiteren Bier erhöht sich für dich das Risiko. Ja, das Risiko. Welches Risiko eigentlich? Damit meine ich das Risiko für meinen Körper, meine Person und mein Umfeld. Die Risiken für den Körper sind uns zumeist bekannt: Organschäden, Sturzgefahr oder Alkoholvergiftung Abende, die im Krankenhaus enden, das Gehirn dauerhaft. sondern auch die Morgen, die mit Kopfschmerzen beginnen). Die Risiken für meine Person und meine Umwelt liegen in einem möglichen Kontrollverlust, Partnerschaftsproblemen, einer erhöhten Gewaltbereitschaft usw. Gerade die letzten beiden hören sich für uns vielleicht unwahrscheinlich an, sind aber statistisch häufiger als im Krankenhaus behandelte Alkoholvergiftungen. Sicher fallen uns noch mehr Risiken beim Alkoholkonsum ein. Risiko bedeutet, das es nicht eintreten muss, aber kann. Ich stehe nun in der
Entscheidung:

Gehe ich das Risiko ein oder nicht?

Neben dem risikoarmen Konsum, dem einmalig überhöhten Konsum oder auch dem regelmäßig überhöhten Konsum kennt der Volksmund auch noch das Saufen. Also ein exzessiver Konsum. Ein Konsum von Alkohol, der auch schon mal mit einem Filmriss enden kann, mit Sicherheit einen Kater verursacht und der dich lallen lässt. Aber auch jemand, der häufiger exzessiv Alkohol trinkt, muss nicht süchtig sein. Man muss aber auch nicht erst süchtig werden, um den eigenen Alkoholkonsum kritisch zu betrachten. Denn ein Alkoholproblem kann auch ohne Sucht bestehen.

F3-Faustregel

Um es schön einfach zu halten, möchte ich hier die „3F“ Faustregel vorstellen. 3f steht für Führerschein, Familie und Firma. Dies sind drei Bereiche in meinem Leben, die wichtig sind. Der Führerschein steht für meine Mobilität, Familie für meine engen sozialen Kontakte und die Firma für meinen Arbeitsplatz, mit dem ich das Geld verdiene, welches ich zum Leben brauche. Dies sind alles Bereiche in meinem Leben, die ich zu pflegen und zu schützen versuche. Sollte ich mit meinem Alkoholkonsum das Risiko eingegangen sein, einen oder mehrere
dieser Bereich zu gefährden, dann kann man von einem problematischen Alkoholkonsum sprechen. Das könnte bedeuten betrunken Auto gefahren zu sein. Vielleicht musste ich sogar mal den Führerschein deswegen abgeben? Habe ich mit meinem Alkoholkonsum schon Probleme in meiner Partnerschaft oder auf dem Arbeitsplatz bekommen? Hat mich mein Partner oder ein Arbeitskollege schon mal auf mein Trinkverhalten angesprochen? Wenn ich so zentrale Bereiche in meinem Leben dem Trinken unterordne, ist mein Alkoholkonsum wahrscheinlich problematisch.

Co-Abhängigkeit

Für Angehörige und Freunde ist der Umgang mit einem problematischen Alkoholkonsum nicht gerade einfach. Wichtig ist, dass die folgen des Trinkens nicht von Angehörigen vertuscht werden und sie den Betroffenen nicht „decken“. Man nennt ein solches Verhalten Co-Abhängigkeit. Das bedeutet, dass Angehörige oder Freunde ihr Verhalten dem problematischen Konsum anpassen, auch wenn sie selbst gar nicht trinken. Die Folgen seines Handelns sollte jeder selber erfahren können. Auch wenn sie negativ sind. Co-abhängiges Verhalten hat nichts mit Nächstenliebe zu tun.

Hilfe bei Alkoholproblemen bekommen

Als Hilfseinrichtung für Betroffene und auch Angehörige ist in erster Linie immer der Sozialpsychatrische Dienst zu nennen. Diese Einrichtung des Gesundheitsamts hat in Deutschland den Auftrag Beratung und Hilfe für Menschen mit dem Verdacht auf eine Suchterkrankung anzubieten. Sie können bei Krisen intervenieren und vermitteln in passende Maßnahmen. Der Sozialpsychatrische Dienst berät auch Angehörige Betroffener und unterhält häufig ein Netzwerk von Selbsthilfegruppen für Betroffene und auch deren Angehörige. Dabei möchte ich auch sagen, dass die Behandlung von suchtkranken Menschen sich in den letzten Jahren immer wieder stark verändert. Man muss nicht mehr für eine Therapie in irgendeine Fachklinik auf der grünen Wiese fahren. Ambulante Therapien neben der Arbeit, der Schule oder dem Studium sind heute üblich. Und die Erfolge sind gut. Gleiches gilt für Menschen, die zwar in eine Klinik möchten, dort aber nicht übernachten wollen. Tageskliniken nennt man solche Angebote.

Vorsichtiger Umgang

Mit dem Blick auf meine Erfahrungen mit chronischen Alkoholikern ist mir noch wichtig zu erwähnen, dass alle unsere Klienten einen guten Grund hatten, um zu trinken. Für gewöhnlich waren es Lebenskrisen, wie der Verlust des Arbeitsplatzes, des Lebenspartners, eines Familienmitglieds oder eine psychatrische Erkrankung (z.B. Angststörung). Was aber auch fast alle vor ihrer Krise gemein hatten, war ein sehr sorgloser Umgang mit Alkohol. Für mich zeigt dies immer wieder, dass ein sorgsamer Umgang mit Alkohol einer späteren Suchterkrankung vorbeugen kann. Denn Krisen werden wir alle im Leben haben.